Für gewöhnlich erfährt, wer Texte über das idyllische Czernowitz und sein Umland liest, leb-haft die »ewige Wiederkehr des Gleichen« – differenziertere Berichte, die erläutern, dass die geringe zeitliche und räumliche Distanz zu weit...
moreFür gewöhnlich erfährt, wer Texte über das idyllische Czernowitz und sein Umland liest, leb-haft die »ewige Wiederkehr des Gleichen« – differenziertere Berichte, die erläutern, dass die geringe zeitliche und räumliche Distanz zu weit Schlimmerem es war, die den Eindruck eines Paradieses zeitigte, sind dagegen noch immer erstaunlich rar. Moses Rosenkranz hat mit sei-nem Band Kindheit, der an Zwischentönen reich zu sein verspricht, darum trotz der Fülle der Texte einen wichtigen Mosaikstein zur Geschichte der Bukowina geliefert, kreist auch der Text vordergründig um das Geschick des Verfassers und seine Jugendjahre. Rosenkranz zeigt ein Klima der Vielsprachigkeit und der Ironie; die Skepsis nicht zuletzt ge-gen die Kultur, die zwar ein Zusammenleben erlaubt, aber sich auch als Fassade erweist, ist ge-rechtfertigt – Klischees bestimmen das Bild des jeweils anderen. »Kosaken haben kein Ge-sicht« (p. 56), so glaubt nicht nur der Ich-Erzähler. Er glaubt es, wiewohl er selbst nicht minder Objekt stereotyper Urteile ist. Rosenkranz' Weg konfrontiert ihn permanent mit Situationen, die ihn bitter lernen lassen, was es heißt, über die Zugehörigkeit zu einer Rasse definiert zu werden. Als Jude ist er immer schon be-und abgeurteilt, steht er krumm, ist er »Bethausjude« (p. 116), andernfalls »wie'n Jude in der Parade« (p. 116). Dieser Antisemitismus ist auch in ande-ren Quellen zur Bukowina schon zur Sprache gekommen; Celans Jugendbiographie von Chal-fen [1] weist etwa darauf hin – und bei Gong heißt es: »Auch hatte Czernowitz, wie Sie viel-leicht nicht wissen, / eine Universität, an der zu jedem Semesterbeginn / die jüdischen Studenten von den rumänischen heroisch / verprügelt wurden.« [2] Zur Kenntnis genommen wurde derlei bislang freilich kaum – und ebensowenig, dass das Vorurteil allgemein das Mit-und Nebeneinander prägt, wie Rosenkranz zeigt. So ist nicht nur der Kosake eine Monstrosität, ähnlich wird – zuweilen mit und oftmals ohne Understatement – auch von anderen Volks-gruppen gesprochen. Die Mutter des Ich-Erzählers kleidet sich beispielsweise in einer mar-kanten Passage in der Tracht der Landbevölkerung – der gesunde Sinnlichkeit zugesprochen wird, weshalb ihr Gemahl augenzwinkernd kommentiert, nun gleiche sie nicht bloß, sie sei vielmehr geradezu: eine »Ruthenenschickse« (p. 69). Hier erweist sich das Buch als in seiner Vielschichtigkeit tatsächlich wichtig. Auch Rosen-kranz' Beschreibung der »große(n) Stadt Czernowitz« (p. 156) ist von dieser Qualität. Der Ver-fasser ist nicht in der Hauptstadt der Bukowina, sondern in deren Umland, genauer: in Berho-meth aufgewachsen – und schildert die berühmte Stadt so weder als Besucher, der Wien kennt und Czernowitz als Miniatur der Hauptstadt wahrnimmt, noch als Bürger, der aus Czernowitz stammt. Die Gegensätze von Stadt und Land in jener Umgebung werden sonst oftmals ver-gessen, hier aber aufgrund der Vita heftig empfunden und aufschlussreich geschildert. Wer nur einen nie ganz trockenen Lehmboden kennt, muss Czernowitz als »beutereiches Dickicht« (p. 212) empfinden. Corbea-Hoisie [3] wies darauf hin, dass die Bauern der Region öfters mit dem Gedanken spielten, in diese Stadt einzufallen und – selbst arm – an deren Reichtum mit Gewalt teilzuhaben. Und doch ist an der Bukowina auch etwas unerhört Humanes – vielleicht darum, weil sich niemand beheimatet darin fühlt, was ein babylonisches Gespräch erzwingt und ermöglicht: Wenn das Herz zum Ausdruck drängte, und miteinander, sprachen die Eltern jüdisch; mit uns Kindern, deutsch; mit der Dienstmagd, dem Gesinde auf der Pachtung und den Einwohnern des Dorfes, ruthenisch; mit den Gutsbesitzern der Umgebung pol-nisch; und mit den einkehrenden Reisenden, je nach Bedarf, eine dieser Sprachen, deren keine sie wohl musterhaft beherrschen mochten, aber jede gefällig und phan-tasievoll zu verwenden schienen, denn es wurde ihnen immer mit Vergnügen und Interesse zugehört. (p. 10) So ist dieser Band in vieler Hinsicht aufschlussreich und als Dokument, das neue Aspekte an-schaulich aufzeigt, uneingeschränkt zu empfehlen. Ist er auch anregend, liebenswürdig und aufschlussreich, stellt sich indes doch auch die Frage nach dem literarischen Wert der Schilde-rungen – und hierüber ist nicht so leicht zu urteilen. Da ist zuallererst die Eitelkeit des Verfassers, gepaart mit einem Hang zur prätentiösen Formulierung – oft gleicht der Stil dem eines Schülers, der etwas schön sagen will: Die »Sphäre unmaterieller Geistigkeit« (p. 11) erschließt sich dem Ich-Erzähler als Sechsjährigem – der